Seid stolz auf euer Bier!


Die Biersommeliers Klaus Artmann und Artur Marienfeld verraten, warum man sich auch als Bayer Bier aus dem Innviertel schmecken lassen sollte. Soviel vorab: Die Vielfalt macht’s.


Artur, du kommst ursprünglich aus dem Rheinland, du, Klaus, bist Bayer. Was reizt euch an den Bieren aus dem Innviertel?
KLAUS ARTMANN: Bei euch gibt es wie in Bayern eine große Vielfalt, kein Einheitsbier. Die Österreicher sind sehr experimentierfreudig und neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen.  
ARTUR MARIENFELD: In Bayern ist man durch das Reinheitsgebot in der Experimentierfreude ein wenig eingeschränkt. Zudem glauben viele Brauer, sie würden dieses Gebot schon verraten, wenn sie sich nur ein bisschen von der ursprünglichen Idee, wie ein Bier zu schmecken hat, entfernen.

Wie kam es überhaupt zu dieser Sortenvielfalt? Lange Zeit kannte man ja nur Märzenbier, Pils, Bockbier und vielleicht noch Weißbier.
KLAUS ARTMANN: Das ist eine  Bewegung, die von den USA ausgehend Länder wie England und Italien stark inspiriert. Dort gibt es sehr große Braukonzerne und die Leute sehnten sich nach handwerklich gebrauten, regionalen Bieren, die sich von der Masse abheben. Individueller Geschmack braucht Vielfalt, so ist es nun mal.
ARTUR MARIENFELD: Sehr schön kann man das in größeren Städten wie Hamburg oder Berlin beobachten. Dort entstanden in den letzten Jahren an jeder Ecke kleine Brauereien in Garagen und Hinterhöfen. Aber auch kleinere Landgemeinden lassen alte Traditionen aufleben und brauen wieder ihr eigenes Bier.

Haben 08/15-Biere denn überhaupt noch eine Zukunft?
ARTUR MARIENFELD: Ich trau’ mich hier keine Prognose abzugeben. Aber wenn man bedenkt, dass wir vor sechs, sieben Jahren in puncto Biervielfalt noch am Stand null waren, so ist doch schon vieles erreicht.
KLAUS ARTMANN: Es geht ja nicht nur um Spezialbiere und Nischenprodukte. Auch bei klassischen Bierstilen muss letztlich die Qualität stimmen. Und du musst den Leuten vermitteln, was ein gutes Bier wert ist. Da ist noch viel Aufklärung und Wissensvermittlung nötig. Frag’ doch mal jemanden, wie viele Hopfensorten er kennt, oder welches Bier zu welchem Essen passt! Wer auf Vielfalt setzt, muss sie auch erklären. Das kann über Messen, Veranstaltungen, Seminare oder auch ganz simpel am Etikett passieren. Nur zu sagen: „Unser Bier ist super“, ist zu wenig.
ARTUR MARIENFELD: Wir müssen auch von diesem „Bier ist zum Komatrinken da“-Image wegkommen. Früher gab’s ja nur eher große Gebinde, vor allem bei uns in Bayern. Jetzt trinkt man Bier auch aus kleinen, schönen Gläsern und spricht damit neue Konsumentenschichten an. Vor allem Frauen schätzen das.

Und wie sieht’s mit den ganz Jungen aus? Ist Bier da noch ein Thema?
ARTUR MARIENFELD: Ich würde sagen: wieder ein Thema. In den letzten Jahren waren eher Alkopops und Ähnliches angesagt. Jetzt ist Bier plötzlich wieder en vogue und man kostet sich durch die Vielfalt, die es ja erfreulicherweise gibt.

Wie kommt diese Vielfalt überhaupt zustande? Bier besteht ja immer nur aus Hopfen, Malz, Wasser und Hefe.
KLAUS ARTMANN: Nichtsdestotrotz gibt es viele Möglichkeiten, um mit dem Geschmack und dem Aroma zu spielen. Man kann mit Spezialmalzen, verschiedenen Hefen oder mit verschiedenen Hopfensorten arbeiten. Hopfen bringt ja nicht nur die Bittere ins Bier, er ist auch ein exzellenter Aromageber.

Ihr würdet also sagen, das Innviertel ist auf dem richtigen Bierweg?
KLAUS ARTMANN: Auf jeden Fall. Ihr macht tolle Biere, auf die ihr stolz sein könnt. Daran könntet ihr vielleicht noch ein bisschen arbeiten, da gibt’s noch Luft nach oben. Also: Seid stolz auf euer Bier!  




ZWEI DEUTSCHE AUF ABWEGEN
Die zwei Biersommeliers Artur Marienfeld (links) und Klaus Artmann aus Rosenheim blicken immer öfter über den Inn und schwärmen von der Innviertler Biervielfalt.