LIEBE AUF DEN ERSTEN SCHLUCK


Mit dem Bier ist es so eine Sache: Entweder man mag es oder man mag es zumindest ein bisschen. Im Innviertel mag man es sogar sehr und das seit ewigen Zeiten, wie das dichtgewebte Netz an hervorragenden Bräustätten beweist. Eh klar, werden jetzt manche sagen: Die Innviertler waren ja lange Zeit Bayern und sind es irgendwie immer noch. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn was dem Innviertler sein Bier ist, das bestimmt er immer noch selbst.
 


 

Wer in die Innviertler Biergeschichte eintauchen möchte, muss sich darauf einstellen, dass er nicht trocken durch dieses Unterfangen kommt. Mehr als 600 Jahre Brauerfahrung hinterlassen ihre Spuren, und die wollen hinreichend verkostet sein. Aber es sollt’ uns nichts Schlimmeres passieren.
 
Am Anfang der lokalen Biergeschichte standen die Klöster. Im Mittelalter sicherten sich die geistlichen Herren den Nachschub, indem sie Bauern zum „Bierdienst“ verpflichteten.

Vor allem in der Fastenzeit war Bier gefragt, besänftigte es doch den knurrenden Magen der Mönche und brach, weil ja flüssig, dennoch das Fasten nicht. Gebraut wurden einfache Steinbiere, die durch Zugabe von glühend heißen Steinen zum Sieden gebracht wurden, oder recht simpel gestrickte Kesselbiere. 
 
Weil aber nicht jeder Bauer gleichzeitig auch ein guter Brauer war, gingen die Mönche schon recht bald zur Selbstversorgung über und ließen sich nur mehr die Rohstoffe liefern. Jetzt sah die Sache schon ein wenig anders aus: Kühle Klostermauern, kräuterkundige Mönche mit viel Muße, wenig weltlicher Ablenkung und mitunter großem Durst kitzelten das Beste aus dem Bier. Über Jahrhunderte waren die Klöster fortan ein Hort der Braukultur. 

 

MAN NEHME ALS BEISPIEL DIE MÖNCHE DES STIFTES ENGELSZELL. DIE MACHEN NICHT VIELE WORTE, DAFÜR GANZ EXZELLENTES BIER. STARK UND UMWERFEND GUT.

Seit 2012 brauen die Mönche nach einer jahrzehntelangen Pause wieder Bier, als eine von nur ganz wenigen Trappistenbrauereien weltweit. Dementsprechend groß ist die Nachfrage, vor allem in den USA ist man ganz versessen auf die meist recht kräftigen Sude aus der Stiftsbrauerei. Nivard, Benno und Gregorius heißen die edlen Kreszenzen, allesamt benannt nach ehemaligen Oberen des Stiftes.

Was dem Klerus recht, ist dem Bürger nur billig: Seit Mitte des 15. Jahrhunderts etablierten sich neben Bauern und Geistlichen auch zunehmend hauptberufliche Brauer. Eine wahre „Start up“-Welle gab es im Innviertel des 16. Jahrhunderts: Braunau etwa verzeichnet um das Jahr 1600 23 Brauereien, in Ried sind es im 17. Jahrhundert ebenfalls beachtliche 13.

Nicht wenige Brauer wurden mit ihrem Handwerk reich. In Ried im Innkreis waren sie so vermögend, dass sie 1669 beim Bildhauer Thomas Schwanthaler einen eigenen Braueraltar in Auftrag gaben, der noch heute in der Rieder Stadtpfarrkirche besichtigt werden kann – falls einmal Zeit bleiben sollte zwischen zwei Seiterln. In der Innviertler Bezirksstadt erliegt man nämlich nur allzu leicht den Verlockungen des Biers – der hiesigen Brauerei sei Dank. 

 

DIE BRAUEREI RIED ENTSTAND AUS EINEM DRINGENDEN BEDÜRFNIS HERAUS, NÄMLICH DEM NACH EINEM BIER, DAS MAN AUCH TRINKEN KANN.

Weil sie sich über die schwankende Qualität des zugelieferten Biers ärgerten, gründeten beherzte Gastwirte im Jahr 1908 kurzerhand ihre eigene Brauereigenossenschaft. Sie kauften die bereits seit dem 15. Jahrhundert bestehende Brauerei Ried und legten los. Diesen Elan haben sich die Brauer bis heute erhalten, was man nicht nur an ihren überschäumend guten Weißbieren erschmecken kann.

Ob ein Bier gut ist oder nicht, ist Geschmacksfrage. Oder, na ja, fast. Hat man ein paar verlässliche Mitarbeiter, so ist das zumindest schon einmal ein guter Anfang. Hopfen, zum Beispiel, darf in keinem Bier fehlen. Meinte zumindest die Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen, die sich im 12. Jahrhundert als Erste für die Hopfengabe stark machte. Nicht des Geschmacks wegen, versteht sich, sondern aufgrund der antibakteriellen und gesundheitsfördernden Wirkung dieses wuchernden Hanfgewächses.
 
Anders als heute war Hopfen damals auch im Innviertel recht häufig anzutreffen. Die ältesten Anbaugebiete befanden sich zwischen Inn und Salzach und erstreckten sich weiter westwärts bis Freising. In der Nähe der Städte Braunau und Schärding und auch im Umfeld vieler Brauereien entstanden so genannte „Hopfgarten“. Sogar im Ibmer Moor wurde Hopfen angebaut und so der regionale Rohstoffnachschub gesichert. Heute kommt der überwiegende Teil des Hopfens als Konzentrat in die Brauereien. Doch gibt es auch wieder Brauer, die sich teilweise selbst versorgen – aus Experimentierlaune oder schlichtweg aus Spaß an der Freud.


SEIT JEHER ZU DEN SELBSTVERSORGERN GEHÖRT DIE BRAUEREI SCHNAITL IN ​GUNDERTSHAUSEN AN DER GRENZE ZUM BUNDESLAND SALZBURG.  

Vor 60 Jahren arbeiteten dort noch 30 Leute in der Landwirtschaft, aber nur fünf in der Brauerei. Auch heute legen die Besitzer viel Wert auf regionale Zutaten und verpachten ihr Land für den Anbau von Gerste. Und in manchen Bieren manifestiert sich die Liebe zu diesem Rohstoff besonders stark: Im kastanienroten „Schnaitl Dunkel“ etwa vereinigen sich fünf verschiedene Spezialmalze zu einer ganz feinen Sache.
 
Überhaupt: Mit den Bierspezialitäten, die heute im Innviertel gebraut werden, kann man wesentlich mehr als eine Bierkiste füllen. Mehr als 70 verschiedene Sorten lagern in den Kellern und den Innviertler Brauern gehen die Rezepturen noch lange nicht aus. Doch auch wenn es früher nicht soviel Vielfalt gab: Gut war das Innviertler Bier schon immer.
 
Einer, dem man dieses Urteil getrost glauben darf, ist der Nachwelt vor allem durch seine Mundartgedichte und seine Prosa in Erinnerung geblieben: Franz Stelzhamer war nicht nur ein begnadeter Schreiber, sondern auch ein überaus begabter Genussmensch. Seine Wanderungen führten ihn unter anderem in die Kellergröppe in Raab (siehe Bericht Seite 5), wo es sich auch heute noch ganz trefflich versumpern lässt. Das Bier freilich muss man heute selbst beisteuern, was aber bei der Auswahl nicht wirklich ein Problem sein sollte.
 
Nicht immer war „der Franz von Piesenham“ finanziell liquid, aber bei den vielen übers Inn­viertel verstreuten Brauwirtshäusern fand sich doch immer eines, das den Dichter von seinem Durst erlöste. Neben Brauer und Bauer war nämlich auch die Kombination Brauer und Wirt oder überhaupt alles zusammen eine gängige Kombination. Auch heute noch schenken von den sieben Brauereien der Bierregion Innviertel sechs ihr Bier im eigenen Wirtshaus aus. 
 

EINES DER LEGENDÄRSTEN IST DAS GASTHAUS VITZTHUM IN UTTENDORF – DA WILL MAN HIN UND NICHT WIEDER WEG.

Wer hier einmal die Füße unter dem Tisch ausgestreckt und sich den Bierschaum von den Lippen geleckt hat, weiß, was es heißt, mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Wer dabei den Überblick über die vielen Vitz­thums verliert, die hier in Küche und Braukeller werken, muss die Schuld nicht beim Bier suchen, handelt es sich doch um einen richtigen Familienclan. Es spricht also nichts gegen ein weiteres Bier – die Autorin dieser Zeilen empfiehlt ein Uttendorf Pils. Das ist wirklich Weltklasse.
 
In Braunau zeigte sich anno 1908 auch, welchen Zündstoff Bier mitunter birgt. Just im heißen Juli hatten die örtlichen Brauer eine Bierpreiserhöhung angezettelt, was die Bevölkerung so nicht hinnehmen wollte. Kurzerhand wurden die Braunauer Wirtshäuser boykottiert, zum Trinken ging man fortan über den Inn ins bayerische Simbach. Rund zwei Wochen dauerte der Braunauer Bierkrieg, ehe die Brauer einlenkten und das Bier wieder seine völkerverbindende Wirkung tun konnte. 

 

MAN SIEHT: EIN BISSCHEN QUERKÖPFIGKEIT SCHADET NICHT. EIN GUTES BEISPIEL IST DAS BRAUHAUS BOGNER IN BRAUNAU, WO DER WIRT ZUM B​RAUER WURDE. 

In einer Zeit, in der viele kleine Brauereien aufgeben oder von größeren geschluckt werden, beschließt Helmut Bogner, seinen eigenen Sud zu kochen. 1996 braut der Wirt in seinem Privatkeller sein erstes Weißbier und schenkt es den Gästen aus. Mittlerweile ist aus dem anfänglichen Hobby die „kleinste Weißbierbrauerei der Welt“ geworden – und aus dem Wirt auch ein Brauer.
 
Auch wenn nicht alle Brauereien im Innviertel so klein sind wie die von Helmut Bogner, so gilt doch ohne Einschränkung: Hier regiert Klasse vor Masse. Während sich anderswo große Konzerne breitmachen, haben es die Inn­viertler Brauer gern privat. Es bleibt sozusagen alles in der Familie – und das meist seit vielen Generationen. In der Vergangenheit nahmen nicht wenige Bräuerwitwen nach dem Dahinscheiden ihrer Ehemänner wieder einen Brauer zum Mann – ob aus wahrer Liebe oder aus Liebe zum Bier, sei dahingestellt …

 

AUCH IN DER BRAUEREI WURMHÖRINGER IN ALTHEIM IST ALLES FEST IN FAMILIENHAND. NICHT ERST SEIT GESTERN, SONDERN SEIT 1632.

Dass Blut dicker als Bier ist, sieht man schon daran, dass der Wurmhöringer-Spross Claus mit gerade einmal 22 Jahren 2012 der jüngste Braumeister Österreichs war. Ihre lokale Verankerung hindert die Brauerei aber nicht daran, ihr Bier auf Reisen zu schicken, sodass man es sowohl in Innsbruck als auch in Wien trinken kann. 
 
Es gibt also viele handfeste Gründe, warum sich das Innviertel mit dem Zusatz „Bierregion“ schmückt. Denn wo, bitteschön, wenn nicht hier, hat dieses Prädikat soviel Berechtigung? Na eben. Und jetzt: Bitte draufloskosten!
 

Abt Gregorius Eisvogel, Namensgeber für das erste Bier aus der Trappistenbierbrauerei
Stift Engelszell.


Das Team der Brauerei Ried


Mitten in Gundertshausen: der Kreisverkehr mit einem Braukessel der Privatbrauerei Schnaitl.

Helmut Bogner, Gründer der gleichnamigen Brauerei in Braunau, in der Tracht der Bierbrauer und Gastwirte.


Die Familie Vitzthum in Ihrer original Innviertler Gaststube in Uttendorf.


Claus Wurmhöringer. Als Jüngster Braumeister Österreichs stieg er 2012 in den Familienbetrienb in Altheim ein.